Weil wir das lebendige Chaos lieben -
Leben in der Großfamilie

Geräuschkulisse, Gewusel, Spielpartner ohne Ende, Streitereien, Teilen lernen, buntes Getümmel, Stimmenwirrwarr, Menschen, die kommen und gehen: Das und vieles mehr sind für mich Kindheitserinnerungen und zugleich mein Alltagsleben in einer Großfamilie. Was soll ich sagen: Ich liebe es! Wir leben es.
In Deutschland zählt man ab drei Kindern als kinderreich. Da können manch andere Nationen nur drüber lachen, aber für unsere westliche Kultur sind drei Kinder eine Menge. Gemäß meiner Erfahrung gehört es gefühlt zum Standard, ein Kind zu bekommen. Man wird angelächelt und freundlich gegrüßt, wenn man auf der Straße glückselig und frisch frisiert (wahrer Luxus!) seinen Kinderwagen schiebt, dabei lässig einen Kaffee trinkt – Lifestyle, zu dem man mit einem Kind Zeit hat.
Mit dem zweiten Kind ist es gesellschaftlich auch noch ganz nett. Schließlich ist man ja auch als Eltern zu zweit, das ist also alles im Rahmen des Möglichen. Besonders viele Komplimente gibt es von außen, wenn man einen Jungen und ein Mädchen hat. Als ob man das beeinflussen könnte! Aber Menschen finden das so toll, dass sie einem fast schon raten, dass das reichen würde. Was will man mehr?
In eine besonders spannende Lebensphase kommt man mit dem dritten Kind. Nicht nur, weil man als Eltern plötzlich merkt, dass man mit drei Kindern leider immer zwei Arme zu wenig hat und Mama ständig schreit, sie sei kein Oktopus, sondern auch, weil man merkt, dass sich Blicke in der Gesellschaft verändern. Im Supermarkt zum Beispiel:
Stufe eins: Leute starren dich an und man sieht förmlich, wie sie mindestens dreimal innerlich nachzählen, ob es wirklich drei Kinder sind, die man durch den Laden schlört.
Stufe zwei: Die Leute bleiben einfach stehen und glotzen weiter, überlegen, ob die wirklich alle zu einer Mutter gehören.
Stufe drei: Sie ringen mit sich selbst, um dann nachzufragen, ob das wirklich alle "deine" sind. Mehrfachmütter werden scheinbar auch nicht mehr gesiezt! Entsetzlich! Ist es nicht so, dass die Zukunft von uns als Gesellschaft in den Kindern liegt? Warum schockiert es uns dann, eine Familie mit drei Kindern beim Einkaufen zu sehen?
Sicher, da gibt es auch ganz andere Erfahrungen. Neulich, morgens um sieben, hörten wir beim Frühstück die Müllabfuhr. So schnell konnte man nicht bis drei zählen, da wollten alle Kinder am Fenster stehen. Mein Mann erzählte mir, dass ein Mitarbeiter den Kindern freudig zuwinkte und meinen Mann strahlend und ehrfürchtig zugleich ansah, mit drei erhobenen Fingern. Er drückte sein Erstaunen aus, dass es gleich drei Kinder in diesem Haus gibt. Dabei wusste er nicht, dass das vierte, unser Neugeborenes, friedlich auf der Couch lag und schlief.
Ja richtig, vier ist unsere Zahl, immer schon gewesen.
Mit dem vierten Kind machte ich dann eine spannende Entdeckung: Man erntet missbilligende Blicke und Bewunderung zugleich! Meine Mutter wurde früher des Öfteren gefragt, ob denn alle ihre fünf Kinder von einem Mann stammen. Unvorstellbar für so viele und ebenso unverschämt diese Frage. Wir erleben natürlich auch, dass sich Leute, die von außen auf unser Leben schauen, den ein oder anderen dreisten Spruch erlauben, obgleich man sie weder kennt noch um ihre Meinung gebeten hat. Aber damit kann man leben und man lernt schlagfertig zu werden. Was mich mehr überrascht ist eher die Tatsache, dass die Leute nicht hören wollen, wenn ich ihnen versichere, dass es das letzte Kind ist. Ich glaube, ab vier Kindern wird in den Köpfen der Menschen das Unmögliche möglich. Dann ist die Vorstellung auf einmal ok, dass es immer mehr werden. Oder aber sie glauben, dass man das mit der Verhütung einfach nicht verstanden hat. Was auch immer: Ich bin mir sicher, dass eine der beiden Vermutungen zutrifft. Immer wieder schlagen mir Leute vor, dass es ja auch noch ein fünftes geben könnte, egal, welche Argumente ich dafür anbringe, dass uns vier reichen. Als ich mit dem letzten Kind nach der U2 das Krankenhaus verlassen habe, grinste die Krankenschwester und sagte: "Na dann, vielleicht bis bald!" Entspannt grinste ich zurück und antwortete: "Sicher nicht, das war das letzte Kind! Wir haben bereits drei zu Hause!" Immer ein schöner Anblick, wie Leute daraufhin reagieren. Daran werde ich mich wohl auch in Zukunft erfreuen können!
Familie sein mit vier Kindern - darin waren wir uns bereits zu Beginn unserer Beziehung einig, unwissend, was uns da erwarten würde. Aber ich bin unendlich dankbar, dass dieser Traum in uns beiden lebte.
Kommentare bezüglich unserer vier Kinder, die altersmäßig alle recht nah beieinander sind höre ich mir öfter an und nicht selten schwingt dabei eine Portion Mitleid mit, die ich irgendwie gar nicht nachvollziehen kann. Denn wir mögen es so. Ich kenne es aus meiner eigenen Kindheit, weiß, was es bedeutet, wenn die Geschwister aufgrund der Altersnähe zum Gegenüber werden, zum Spielpartner, zum Freund, zum Verbündeten. Ein tolles Lebensgefühl, fand und finde ich und wir wollten dies unseren Kindern auch ermöglichen. Natürlich ist das für uns als Eltern anstrengend, kostet es uns den Preis, mindestens 7 Jahre nicht durchschlafen zu können. Immer ein schreiendes Kind um sich herum zu haben (nur ein schreiendes Kind ist der Glücksfall, in der Regel potenziert sich das). Trotzdem: Ich finde, Lebensqualität und Glück wächst mit jedem Kind. Selbstverständlich wachsen ebenso all die Dinge, die Kraft und Nerven rauben: Stress, Schlafmangel, sich Sorgen, Aufgespanntsein und vieles mehr. Doch wie sagt man so schön: Man wächst an seinen Herausforderungen. Das durften wir spätestens ab Kind drei lernen, denn diese Lebensphase hat uns extrem geweitet. Wir mussten uns ganz anders absprechen, neu aufteilen, organisieren, im Takt arbeiten, noch mehr miteinander partnern, auf Dinge verzichten. Wir haben uns gestritten und gegenseitig abgenervt, gleichzeitig gespürt, dass es ohne den anderen nicht geht. Aber für uns war es eine super Vorbereitung für Kind Nr.4. Wir wussten, das würde nur funktionieren, wenn wir uns gut aufstellen. Für uns bedeutete das:
Wir investieren in vertraute Beziehungen auch zu anderen Generationen. Wir hatten (und haben bis heute) immer Menschen an unserer Seite, die für uns sind und unterstützen - keine Selbstverständlichkeit!
Wir ordnen unser Bild von Erwerbsarbeit dem Familienalltag unter, d.h. uns war es von Anfang an wichtig, gemeinsam die intensive Kleinkindphase begleiten zu können und trotzdem auch beide erwerbstätig zu sein. So entschied sich mein Mann lediglich für eine Halbtagsstelle, damit auch ich halbtags arbeiten kann. Ein eher ungewöhnliches Modell, wie mir scheint. Zum einen, weil die klassische Form der Arbeitsaufteilung - der Mann bedient eine volle Stelle, während die Frau in der Kleinkindphase Kind und Haushalt abdeckt –immer noch überwiegend bevorzugt wird und zum anderen, weil es leider noch viel zu wenige Teilzeitstellen für Männer gibt, obgleich der Bedarf daran in der neuen Generation gerade steigt.
Die Personalverantwortlichen finden es in der Regel ungewöhnlich, wenn der Mann nicht bereit ist, einen 40-Stunden-Job anzunehmen. Es hat uns viel Zeit und Kraft und Gebet gekostet, eine Stelle zu finden, die auf 20 Stunden begrenzt ist. Viele Stellen, die verlockend waren, was Gehalt und gesellschaftliches Ansehen angeht, haben wir ausgeschlagen, weil es mit unserer Vorstellung von Familienleben nicht vereinbar war. Gesellschaftliche Anerkennung und "ins Bild der anderen passen" ist, wie wir finden, in diesem Leben nicht entscheidend. Was wirklich zählt, ist, sich treu zu bleiben, mutig zu sein, aus der Reihe zu tanzen, falls nötig.
Unser Motto, als wir Kinder waren, lautete immer: "Auffallen um jeden Preis!" Das schafften wir Kinder regelmäßig, denn wir liebten es, laut und ausgelassen zu sein, den Blicken der anderen zu trotzen. Großfamilie zu leben und zu erleben, mit allen Facetten von Freude und Leid, von Krisen und Erfolgen, Weinen und Lachen hat mich sehr vielseitig geprägt. Für mich ein Stück Kindheit, das immer ein Teil von mir bleiben wird, denn es ist das Stück echtes Leben, was ich heute meinen Alltag nenne.

