von der spielbasierten zur smartphonebasierten Kindheit
- eine Blogserie zum Thema Umgang mit Medien

Ich, an der Supermarktkasse. Noch eben ein paar Kleinigkeiten besorgt, die ich beim Großeinkauf vergessen habe. Nichts Außergewöhnliches also, bis ich den Teenager mit seiner Mutter vor mir an der Kasse beobachte. Ich liebe Sozialstudien! Die Kassiererin versucht sehr bemüht, Blickkontakt zu dem Jungen zu halten und einige Fragen zu stellen, scheinbar kennen sie sich. Der Junge hingegen schaut vollkommen abwesend, wie im Bann auf sein Smartphone, während seine Hände ungeschickt nach den Artikeln nesteln, die bereits über das Band gerollt sind. Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt vernommen hat, dass jemand mit ihm spricht. Er antwortet nicht. Weitere Fragen folgen. Die Mutter, direkt neben ihrem Sohn, wird sichtlich nervös - ich vermute, weil ihr sein Verhalten unangenehm ist, vielleicht sogar unangemessen, haben wir doch alle versucht, unseren Kindern, als sie klein waren, beizubringen, Blickkontakt zu halten, zu antworten. Sie stupst ihn an. Er reagiert sehr verzögert, nimmt das Handy nur einige Zentimeter aus seinem Sichtfeld und stammelt Wortfetzen in Richtung Kassiererin. Diese versucht noch immer freundlich zu bleiben - bewundernswert hartnäckig diese Frau - bekommt jedoch nicht wirklich einen Blickkontakt. Ich konnte förmlich spüren, dass sie sich irgendwie verarscht fühlte oder enttäuscht war über die ausbleibende Reaktion. Mutter und Sohn gehen. Als ich sie auf dem Weg zum Auto wieder treffe, sehe ich, wie der Junge auf den Bildschirm schauend zum Auto schlurft. Auf einem stark befahrenen Parkplatz. Wirklich umsichtig!
Dieses Beispiel aus dem Alltag, das uns allen sicherlich so oder so ähnlich bekannt vorkommt, hat mich neulich mal wieder sehr zum Nachdenken angeregt und mich motiviert, erneut im Buch des US-amerikanischen Psychologen, Joanathan Haidt „Generation Angst“ zu stöbern. Haidt beschäftigt sich darin mit den Auswirkungen des smartphonebasierten Alltages unserer Kinder und Jugendlichen. Anhand dieses Buches möchte ich einige Erkenntnisse teilen, die ich als äußerst interessant empfinde. Ich beziehe mich auf die Kapitel eins bis zwei seines Buches. Mir ist dabei wichtig, zu betonen, dass es nicht darum geht, etwas schwarzzumalen, vielmehr geht es mir darum, ein Bewusstsein für einen Zustand zu schaffen, in dem wir uns schon seit ein paar Jahren befinden, der uns aber nur selten in seiner Auswirkung auf unser Leben bewusst ist.
Das Leben der Menschheit veränderte sich rasant mit dem Smartphone und einem uneingeschränkten Internetzugang. Bis 2007 war es das Mobiltelefon, was von allen genutzt wurde. In den Anfängen war es nur mühsam zu bedienen mit seiner Tastatur, die teilweise ein viermaliges Knopfdrücken erforderte, um den gewünschten Buchstaben zu erhalten. Man nutze es daher primär zum Telefonieren oder um sich zu verabreden. Das Leben blieb in dieser Zeit damit weitestgehend konkret und real. Dies änderte sich mit der Ära des mobilen Internets auf dem Smartphone ab 2007. In dem Jahr kam das erste touchbasierte internetfähige Smartphone auf den Markt und definierte eine neue Ära medialer Kommunikation. Bereits 2011 besaß die große Masse der Kinder und Teenager ein internetfähiges Mobiltelefon und eine weitere Ära begann: Social Media. Haidt spricht aufgrund dieser gesellschaftlichen Veränderungen von einer neu verdrahteten Kindheit, die mit Generation Z begann und besonders in den Jahren 2010-2015 durch den technischen Wandel ihren Aufschwung fand.
Mit der neu verdrahteten Kindheit beschreibt er eine Kindheit, die primär virtuell und medial vermittelt stattfindet, vor und mit dem Handy anstatt real, in direktem Kontakt und ganz persönlich vor Ort. Erlebnisorientierte Kindheit und reales Leben werden in eine virtuelle Welt verschoben.
Die Auswirkungen sind weitreichend:
Ein Mensch, der in einer festen, zum Beispiel familiären Gemeinschaft aufwächst, lernt, wie er sich darin bewegen kann. Denn damit Beziehung und Gemeinschaft funktionieren können, müssen wir als Mensch erst erlernen, wie man mit Beziehungen umgeht, wie man sie aktiv gestaltet und lebt.
Wir müssen lernen, die eigenen Emotionen wahrzunehmen, die anderer zu respektieren, Konflikte zu lösen, zu kommunizieren, … damit ein soziales Miteinander überhaupt Gestalt annehmen kann.
All diese essenziellen Fertigkeiten für ein soziales Leben können aber in sozialen Netzwerken, in denen Kids nicht mal ihren realen Namen voneinander wissen, nicht gelernt werden. Online-Communities können zum Beispiel anders als reale Beziehungen nach Belieben gewechselt oder verlassen werden. Wenn etwas keinen Spaß mehr macht oder Konflikte, Meinungsverschiedenheiten entstehen, dann geht man einfach. So können bestimmte Werte, die für gemeinschaftliches Miteinander unabdingbar sind, weil sie in der Natur des Menschen liegen, nicht gelernt werden. So gehen zum Beispiel Selbstwirksamkeit und Authentizität, Konfliktfähigkeit und soziale Verantwortung verloren oder werden nur teilweise oder verkümmert ausgebildet.

Macht uns und unsere Kinder das lebensunfähiger?
Vielleicht ist lebensunfähiger nicht ganz das richtige Wort. Vielleicht aber macht es ängstlicher, depressiver. Haidt beschäftigt sich mit mehreren Studien, die aufweisen, dass Angststörungen und Depressionen in der Zeit der Neuverdrahtung enorm zugenommen, sich verdoppelt, teilweise verdreifacht haben. Und zwar in der Generation, die mit den neuen medialen Möglichkeiten aufgewachsen ist und davon maßgebend geprägt wurde, Generation Z.
Die Generation Z (nach 1995 geboren) ist die erste Generation, die ihre Pubertät mit Smartphones und Tablets durchlebt hat und dadurch neu geprägt wurde. Geprägt von unbegrenztem Internetzugang, jederzeit, überall und Inhalten, die nicht kindgerecht sind, ständigem Vergleichsdruck auf sozialen Medien und vielem mehr. Was sie dadurch leider weniger erfahren hat als die Generationen zuvor, ist ein Austausch von Angesicht zu Angesicht, Abenteuer, erlebt in der realen Welt zusammen mit Freunden, Menschen an der Seite, die spürbar „echt“ sind, fernab von den virtuellen Bildschirmwelten.
Natürlich kann man sich an dieser Stelle darüber streiten, ob es da einen direkten Zusammenhang gibt oder nicht. Man kann auch sagen, dass die Zeit der Generation Z keine leichte war/ist, denn Sorgen um Krieg und Klima lassen ihnen den Atem stocken. Klar, dass es da zu Angst und Depression kommen kann. Doch neu sind diese weltpolitischen Themen eigentlich nicht. Krieg und Umweltprobleme, damit musste sich bereits die Generationen vor uns auseinandersetzen. Neu für die Generation Z ist allerdings ihr unbegrenzter medialer Zugang zu allen Informationen, die dadurch ständig präsente Berichterstattung, der nie enden wollende Austausch auf Plattformen über genau diese Themen. Keine alltägliche Beschäftigung, Beziehung oder Aktivität findet ohne den ständigen Blick aufs Smartphone statt. In der sensiblen Phase von mittlerer bis später Kindheit, also im Alter von ca. neun bis vierzehn Jahren, formt sich die soziale Entwicklung durch die Kultur, mit der die Kinder und Jugendlichen umgeben sind und sie prägt. Die mediale Kultur im World Wide Web ist dominiert von idealisierten und mit Filtern überlagerten Bildern, Bewertungen, Kommentaren und Posts. All das sehen und hören die Kinder und es bestimmt und beeinflusst ihre Identität.
Wollen wir wirklich, dass die soziale Entwicklung unserer Kinder durch solche nie stillhaltenden, vergleichenden und bewertenden Kulturen geformt wird?
Spannend finde ich den Fakt, dass gleichzeitig Kinder und Jugendliche im heutigen Zeitalter so behütet aufwachsen wie nie zuvor. Begriffe wie Rasenmäher - oder Bulldozer -Eltern greifen das elterliche Bemühen auf, die Gefahren des realen Lebens für die Kinder vorsorglich aus dem Weg zu räumen.
Paradox dabei finde ich jedoch, dass wir Angst haben vor der wirklichen Welt unserer Kinder, aber freien und unbegrenzten oder nur teilweise begrenzten Zugang zur medialen Welt erlauben, als wäre es das Schönste und Normalste auf der Welt. Welche schädlichen Inhalte das Kind dabei ungefiltert konsumiert, ist uns zumeist weder bewusst noch einsehbar. Genau dafür müssen wir aber, wie ich finde, sensibel werden. Denn das, was unsere Kinder heute konsumieren, bestimmt ihr Leben von morgen.
Sollte Haidt recht haben, dass eine bildschirmbasierte Kindheit und Jugend Ursache ernsthafter psychischer Erkrankungen, Orientierungslosigkeit und Verunsicherung ist,
brauchen wir ein neues Verständnis davon, was Kindheit bedeutet und was wirklich zählt in dieser Zeit! Wir brauchen mehr Gegentrends zum Internet.
Ein für mich entscheidender Gegentrend ist das freie Spiel. Kinder brauchen freies Spiel und sie brauchen viel davon! Im freien Spiel erleben Kinder Herausforderungen, sie erleben Rückschläge, sie stellen sich dem Leben und lernen daraus. So entwickeln sie Resilienz, werden vorbereitet auf spätere Hürden des Lebens und befähigt, sie zu bewältigen. Spielen kann man auch als die Arbeit des Kindes bezeichnen, denn damit sollten sie die meiste Zeit des Tages verbringen. Spielen wird frei gewählt, es entsteht intrinsisch, denn es ist im Kind angelegt. Das körperliche Spiel an der frischen Luft, in dem man sich alltäglichen Gefahren und Herausforderungen stellt, ist für eine gesunde Entwicklung des Kindes maßgebend und sollte nicht durch Medienzeiten von bis zu zwei Stunden am Tag oder mehr ersetzt werden. Denn der Körper, unsere Bewegungen reifen nicht aus, wenn wir lediglich unsere Finger zum Scrollen auf Handy oder Tablet benutzen.
Betrachtet man das kindliche Wachstum, so stellt man fest, dass Kinder in den ersten beiden Lebensjahren schnell wachsen, in den nächsten sieben bis zehn Jahren langsamer und dann in der Pubertät nimmt das Wachstum wieder Fahrt auf. Die Kindheitsphase ist also die Phase, die langsames Wachsen bevorzugt. Das ist auch sinnvoll, denn in dieser Zeit erlernen die Kinder die Fertigkeiten einer Gemeinschaft. Dazu brauchen sie aber Zeit: Zeit zum Spielen, Zeit zum Wachsen und Lernen in einer spielbasierten, nicht smartphonebasierten Kindheit. Die Unterschiede sind klar umrissen:
Eine spielbasierte Kindheit ist körperlich, synchron und findet in Gruppen statt (eins zu eins oder eins zu mehreren). Eine smartphonebasierte Kindheit ist genau das Gegenteil: nicht körperlich, asynchron, allein oder in virtuellen Gruppen.
Wenn der Mensch Spielen im eigentlichen Sinne nicht mehr oder zu wenig erlebt, dann hat das natürlich Auswirkungen auf die körperliche und psychosoziale Entwicklung des Menschen, auf die Entwicklung von unserer gesamten Gesellschaft.
Also lasst uns wachsam sein bei dem Thema Medien. Lasst uns diese clever, verantwortungsbewusst und als Ergänzung zur Gemeinschaft und realem Spiel nutzen. Dafür bedarf es unserer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema, unseres Zeitinvestments und natürlich unseres Vorbildes. Ich selbst weiß, dass ich Zeiten habe, in denen ich das Handy weglegen und mich meinen Kindern oder dem echten Leben zuwenden sollte. Dort wo es mir gelingt dies einzuüben, kann ich es auch an meine Kinder vermitteln, kann ich Teil eines Gegentrends sein.

