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Mein Leben mit dem Smartphone -
eine Blogserie zum Thema Umgang mit Medien

Grünes Telefon

Wir leben im 21. Jahrhundert. Wir leben schnell, laut, alles ist möglich, jederzeit, überall, ständig, immer! Wer kennt es nicht? Eben noch schnell was übers Smartphone bestellen, immer erreichbar sein, falls was ist mit den Kleinen oder Oma mal stürzt. Mahnung bekommen? Kein Ding, das überweise ich schnell online. Was? Es gibt einen neuen Modetrend, von dem ich jetzt erst auf Insta erfahre? Dann bestell ich mir mal eben die Schlaghose, die ich zuletzt vor 30 Jahren getragen habe. Wer will schon von gestern sein?!! „Up to date“, immer auf der Überholspur, das ist der Zeitgeist, der uns heute umtreibt, fast schon atemlos neuen Trends und nützlichen Alltags-Gadgets hinterherjagen lässt. Doch wie abhängig sind wir wirklich von unserem - mit meinen Worten ausgedrückt - „Endzeitgerät“, das sich Smartphone nennt?

Ich habe viel Kontakt zu Menschen aus den unterschiedlichsten Generationen. Neulich erzählte mir ein Teenager, dass sie sich nicht sicher fühlt, wenn sie ohne ihr Smartphone das Haus verlässt. Ich fragte mich, ob das normal ist und musste gleichzeitig feststellen, dass ich auch nirgends ohne mein Smartphone unterwegs bin. Mit viel Mühe habe ich es seit einigen Jahren aus dem Schlafzimmer verbannt, doch dafür musste ich mir erst einmal einen digitalen Wecker bestellen. Heute geht doch alles übers Smartphone! Dieses Bild von den eigenen Eltern, die beide immer einen Wecker neben dem Kopfkissen stehen hatten, das habe ich noch ganz klar vor Augen. Ich habe meinen ersten Wecker wieder abgeschafft, als ich damals mit 15 Jahren ein langersehntes Handy bekam. Und heute: Ist es total normal, dass wir vom Smartphone geweckt werden, manchmal damit ins Bett gehen und uns in den Schlaf dudeln. Dabei ist bewiesen, dass der Körper nur schwer runterfahren kann, wenn wir vor der Ruhephase Schlaf noch zu lange auf einen Bildschirm schauen. Ob sich das wohl mit der neuen Generation verändern wird? Was, wenn sich der Körper früher oder später an dieses nächtliche Mediengeflimmer gewöhnt und irgendwie lernt, dabei müde zu werden? Heute kauft man Betten mit integriertem Fernseher im Fußbereich! Ich erinnere mich tatsächlich an eine Zeit als Kind, auch Teenager, in der ich das nicht kannte.

Ich kannte das Gefühl nicht, mich unsicher oder ängstlich zu fühlen, ohne ein Mobilfunkgerät. Es war ja auch nicht normal, eines zu besitzen, ...damals...früher. Man konnte bei einem Unfall im Straßenverkehr nicht mal eben telefonieren. Nicht schon googeln, wie teuer ein neues Auto ist, während man auf die Polizei wartet.

Alles begann eigentlich schon damals...DAMALS...als die Uhr erfunden wurde. Ich weiß, das ist jetzt ein gigantischer Zeitsprung und wenn du dich fragst, was das jetzt soll: Gleich macht das wieder Sinn! Es gab tatsächlich mal eine Zeit vor der Uhr. Eine Zeit, in der sich die Menschen auf ihr Wissen, ihre Naturverbundenheit und ihre Instinkte verlassen konnten. Man wusste damals, wann es Zeit für die Ernte wird, wann es dämmert und man sich auf den Rückweg zu seinem Dorf macht. Es gibt diese Redewendung, die jeder kennt, man heute aber kaum mehr sagen kann, woher sie kommt: Torschlusspanik.

Dieses Wort stammt aus dem Mittelalter, als man begann, befestigte Städte zu bauen und zur Sicherheit der Bevölkerung die Stadttore zu einer bestimmten Zeit zu schließen. Wer nicht rechtzeitig kam, musste draußen bleiben – ohne Schutz und Sicherheit. Wer hätte da keine Panik…

Ich finde das total spannend! Spannend zu entdecken, was Zeit mit uns macht. Zeit lässt uns zwar Termine vereinbaren, Dinge takten, gibt uns einen Rhythmus vor. Aber Zeit löst auch Stress aus, lässt uns auf ein Instrument vertrauen und ersetzt klammheimlich unsere Urinstinkte. Das führt bis dahin, dass wir heute eine Smartwatch tragen, eine technologische Uhr, die unsere Daten erfasst, uns sagt, wann wir uns bewegen sollen, wie hoch unser Puls ist und vieles mehr. Sind das nicht alles Wahrnehmungen, die wir auch von selbst erspüren könnten oder konnten? Ist es so nicht auch irgendwie mit dem Smartphone? (Für alle die Sorge hatten: Das ist die Überleitung zum eigentlichen Thema.)

Smartwatch-Interaktion

Das Smartphone: Es ist Fluch und Segen zugleich! Es erleichtert unseren Alltag, es macht uns flexibel, scheinbar unabhängig. Aber es macht uns genauso abhängig. Abhängig von Zeit. Abhängig von immer neuen Nachrichten. Abhängig von Schnelligkeit. Abhängig von vermeintlicher Sicherheit. Es raubt uns manchmal unsere Urinstinkte, bringt uns um den „normalen“ Menschenverstand. Nehmen wir nur das Beispiel Navigation übers Handy: Früher hat man Karten gelesen, Routen teilweise aufwendig geplant. Man war aber auch in der Lage, sich Wege zu erschließen, Strecken zu merken. Man hat sich Wege schneller eingeprägt, weil sie nicht immer angesagt wurden. Weniger Leute fuhren in Baustellen, U-Bahnschächte oder vor geschlossene Bahnschranken, nur weil eine Blechstimme sagt: „Folgen Sie der Straße weiter geradeaus!“

 

Die Uhr hat es einst an unser Handgelenk geschafft. Heute ein selbstverständliches Schmuckstück, ein Modeaccessoire und doch wirksam wie eine Handfessel. Heute wird diese Art „Fessel“ abgelöst von Smartwatch und Smartphone. Es gibt vor, wie viel unnützes Wissen wir über den Tag in uns aufsaugen. Gibt vor, dass wir ständig erreichbar sind und vieles mehr. Ja, das Smartphone hat es auf eine ähnliche Weise geschafft, sich wie eine „Fessel“ um unseren Körper, unser Leben zu schlingen. Es wird ähnlich wie die Armbanduhr ein Teil von uns, ganz heimlich, mit dem Accessoire eines Bandes, an dem das Smartphone lustig umherbaumelt und das wir uns dann um die Schulter hängen. So ist das Smartphone noch schneller entsperrt, um ein Foto zu machen oder einen Anruf entgegenzunehmen. Viel leichter, als es erst aus der Tasche zu kramen. Immer dabei. Immer online. Immer am Zeitgeist.

 

Vielleicht inspiriert dich dieser Beitrag, darüber nachzudenken, wo es in unserem Alltag Zeiten geben kann, die wir nicht online, sondern ganz bewusst im Hier und Jetzt verbringen. In der Schönheit der Natur zum Beispiel, ohne ein Foto für den Status machen zu müssen. Bei unseren Kindern, ohne gleichzeitig Whatsapp Nachrichten zu beantworten. Bei unserem Partner, ohne gleichzeitig zuhören und tippen zu wollen. Nimmst du die Herausforderung an? Falls ja: Viel Spaß dabei!

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